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Leseprobe:

 

Ich wusste gar nicht, dass so etwas in meinem Kopf ist

 

Der Berliner Schriftsteller und Arche-Freund Stephan Hähnel arbeitet seit vielen Jahren bundesweit an Schulen mit Kindern verschiedener Altersgruppen zusammen.

 

Seit fünf Jahren habe ich das Vergnügen, an Schulen kreative Schreibworkshops in den Klassenstufen vier bis sechs zu veranstalten. Bedarf für derartige Projekte gibt es in allen Bildungseinrichtungen, egal ob es sich um ein katholisches Gymnasium mit einer homogenen Schülerschaft handelt oder um eine Grundschule in einem sozial schwierigen Umfeld. 

Das Projekt verfolgt die Idee, einen Vormittag lang den Schülern einer Klasse die Möglichkeit zu geben, mich als Schriftsteller und meine Arbeit kennenzulernen. Dabei lese ich aus eigenen Büchern und erarbeite mit den Schülern gemeinsam die Struktur und den Aufbau einer altersgerechten Geschichte am Beispiel des Grusel- oder Krimigenres.

Im zweiten Teil können die Schüler eigene Schreibideen zu Papier bringen und werden dabei tatkräftig von mir unterstützt. In einer angenehmen, kreativen und zielorientierten Atmosphäre entstehen regelmäßig spannende und verständliche Texte zuweilen mit Gänsehautgarantie.

Am Ende des Vormittags werden alle Geschichten durch den jeweiligen Schüler vorgestellt und analysiert. Besonders die Stärken, aber auch vermeidbare Schwächen sowie Anregungen, das Geschriebene weiterzuentwickeln, stehen dabei im Mittelpunkt.

In meiner Arbeit treffe ich neben kulturell gebildeten und behüteten Kindern oft auch jene, die aus bildungsdesinteressierten Elternhäusern kommen oder aus Familien kommen, die als Migranten nicht oder noch nicht Fuß gefasst haben. Das Spektrum ist demnach vielschichtig. Es bereitet mir dennoch großes Vergnügen, mit allen Kindern zusammenzuarbeiten, denn was ich regelmäßig an Kreativität, an Lust zu fabulieren und an Bereitschaft, die eigenen Möglichkeiten zu erweitern erlebe, bereichert auch mich. 

Jeder Vormittag beginnt mit einer Fragerunde. Meist wollen die Schüler wissen, wie viele Bücher ich geschrieben habe, wie lange es dauert, bis es fertig ist, ob man unendlich reich davon wird und warum ich Autor geworden bin. Meine Erklärung, dass es mein Traum war, Schriftsteller zu werden und dass ich mir diesen erfüllt habe, wird oft mit Bewunderung und Genugtuung zur Kenntnis genommen. Sieh an, wenn man will, geht das!

Der Schwerpunkt des Workshops liegt auf dem Schreiben eigener Texte, wie es in diesem Alter auch der Lehrplan in vielen Bundesländern vorsieht. 

Als Schriftsteller ist es mir wichtig, die Schüler dort abzuholen, wo ihr Interesse liegt und ihnen damit eine neue Tür zu öffnen. Grusel- und Krimigeschichten sind Genres, die von diesen Altersstufen gern angenommen werden und Garanten dafür sind, dass das Interesse und die Lust sich selbst auszuprobieren keiner zusätzlichen Motivation bedarf.

Nachdem ich Passagen aus meinen Büchern vorgestellt habe und die Grundlagen für spannendes Schreiben besprochen wurden, ist der Wunsch Eigenes zu Papier zu bringen, deutlich zu spüren. Sobald ich aber Regeln festlege, die da lauten, es wird kein Film, kein Buch und kein Computerspiel nacherzählt, kommt es regelmäßig zu erstaunten Gesichtern. Aufstöhngeräusche, Verständnislosigkeitsgebaren und flüsternde Verweise auf mein ‚beträchtliches‘ Alter – ich bin Mitte fünfzig – sind übliche Reaktionen. Die Frage: Was soll ich denn dann erzählen?, wird regelmäßig gestellt. Die Angebote der digitalen Welt zeigen ihre Wirkung. Wenn ich als Krönung auch noch verkünde, dass ich ebenfalls keine Horror- oder Splatter-Geschichten mit spritzendem Blut und an Wänden klebender Hirnmasse lesen möchte, vergeht regelmäßig einigen Kindern die Lust am Schreiben. 

Um es deutlich zu sagen, derartiger Festlegungen bedarf es nicht nur in Bildungsanstalten mit besonderem sozialpädagogischen Förderbedarf, sondern auch in jeder anderen schulischen Einrichtung. Es mag verwundern, dass derartige Regeln für einen Schreibkurs aufgestellt werden müssen, aber die Erfahrung hat gelehrt, dass für diese Genres klare Eckpunkte ratsam sind. Was manche Kinder schon in der vierten Klasse an brutalsten, zutiefst menschenverachtenden und jede Empathie verneinenden Filmen gesehen oder mit Ego-Shoutern gespielt haben, ist für mich jedes Mal schockierend. Altersbeschränkungen dienen hier lediglich als Orientierung für möglichst brutalste Unterhaltung. Gerade in Familien, die mit dem Begriff bildungsfern umschrieben werden und die es ökonomisch schwer haben, scheint es für Kinder ein Leichtes zu sein, sich Zugang zu derartigen Angeboten zu verschaffen. Verantwortung? Fehlanzeige. Aber nicht nur in diesen Familien ist das zu beobachten. Der Trend, frühere Kinderbücher nach Begriffen zu durchforsten, die die Befindlichkeit des Einzelnen verletzen könnten, erscheint mir angesichts des heutigen medialen Konsumverhaltens der avisierten Altersstufe geradezu eine Realitätsverweigerung zu sein. 

Nach einer kurzen Aufregung legt sich meist bei den Schülern das Unverständnis für derartige Erwachsenenregeln. Auch der Verweis, den eigenen Kopf zu nutzen und sich selbst etwas auszudenken, zeigt seine Wirkung. 

Es ist mein erklärtes Ziel, dass jeder Schüler am Ende der Veranstaltung eine Geschichte vorweisen kann. Ob diese nun aus fünf Sätzen besteht oder drei Seiten lang ist, spielt keine Rolle. Selbstverständlich gelingt das nicht jedem, sei es, weil die Fantasie sich trotz aller Unterstützung nicht einstellen will oder jemand vor lauter sprudelnden Ideen weit über das Ziel hinausschießt. In diesem Fall enden die Geschichten möglichst an einer spannenden oder interessanten Stelle mit dem Satz: Fortsetzung folgt. Selbstredend ist die Qualität der Texte, die innerhalb einer oder eineinhalb Stunden entstanden sind, nicht nur individuell, sondern auch je nach Schulform mit Abstrichen zu betrachten. Die Angst vor Rechtschreibung und Grammatik nehme ich den Kindern dadurch, dass ich ihnen sage, dass dies während des Schreibens vernachlässigt werden darf und sie sich nur auf ihre Idee konzentrieren sollen. Korrigieren lassen sich Texte auch anschließend. Wichtig ist nur, dass jeder eine Geschichte schreibt, die das Produkt der eigenen Fantasie ist. 

„Ich wusste gar nicht, dass so etwas in meinem Kopf ist“, hat mir einmal ein Junge begeistert erklärt, der sehr originell über eine Halloween Party geschrieben hat, in der im Laufe des Abends all seine Mitschüler in Monster verwandelt wurden. 

Die meisten Geschichten sind Versuche, Ideen zu gestalten, die sich den üblichen Themen der Genres bedienen. In den Workshops entstehen zuweilen aber auch Texte, die begeistern können, zum Lachen bringen oder auch völlig unvorbereitet treffen. In einer vierten Klasse schrieb eine Schülerin eine Geschichte, bei der ich Gänsehaut bekam. Sie handelte von einem Mädchen, das ständig von einem Schatten verfolgt wurde. Egal ob sie zur Schule ging, Freundinnen besuchte oder auf dem Sportplatz Runden drehte, der Schatten folgte ihr. Was sie auch tat, sie war nie allein. Also erzählte sie am Abend ihrer Mutter davon und die erklärte ihr: „Mach dir keine Gedanken. Es ist alles in Ordnung. Das ist nur dein Vater.“ In der Geschichte umarmen sich dann Schatten und Mädchen und alle waren glücklich. Später erfuhr ich, dass diese Schülerin Monate vorher ihren Vater bei einem Unfall verloren hatte. 

Es kommt vor, dass das zu Papier Gebrachte nicht ausschließlich Produkte der Fantasie sind. Zuweilen mischt sich Selbsterlebtes darunter. Schreiben wird zum therapeutischen Ventil.

An eine Geschichte, die von einem stillen zwölfjährigen Jungen stammte, der übergewichtig und von der Natur nicht verwöhnt worden war, erinnere ich mich immer wieder. Der Kurs behandelte Krimigeschichten. Nach dem ersten Teil des Workshops war wie üblich Pause. Aufgeregt tauschten die Schüler untereinander ihre Ideen aus. Die Aufregung und Vorfreude, endlich selbst schreiben zu können, war groß. Niemand in der Klasse beachtete den Jungen, der mitten im Raum allein an seiner Bank saß. Er stierte auf das leere Blatt, auf welches er schreiben sollte. Offensichtlich ein Einzelgänger. Als es weiterging, verzichtete er auf alle Hilfsangebote meinerseits. Die Lehrerin winkte ab. „Sinnlos“, war ihr Kommentar. Einige Schüler grinsten. Ich gebe zu, auch ich bin nicht frei von Vorurteilen. Ich ließ ihn stieren und kümmerte mich um die Fragen der Anderen. Als das Selbstverfasste schließlich vorgetragen wurde, meldete sich, nicht nur für mich völlig unerwartet, dieser Schüler. Seine Geschichte hieß: Der Überfall. Er schrieb in der Ich-Form kurze, klare Sätze. Es war kalt. Ich ging nach Hause. Drei Jugendliche saßen auf der Bank. Ich hatte Angst. ... Der Junge beschrieb, wie er abends im Park abgezogen wurde und was die drei mit ihm taten, da er sich nicht freikaufen konnte. Er erzählte, was ihm widerfahren war, aus jener Position, aus der er den Überfall erlebt hatte. Der Junge lag im Dreck. Er beschrieb die Schuhe und die Geräusche, die sie machten, wenn sie brutal seinen Körper und das Gesicht trafen. Einen Satz werde ich nie wieder vergessen. Es klang wie Zähneausbeißen. Als die Geschichte zu Ende war, hätte man eine Stecknadel fallen lassen können. Jeder im Raum wusste sofort, dass dies tatsächlich geschehen war. Es dauerte eine Weile, dann klatschten einige. Ein paar Jungs, die ihn vorher nicht wahrgenommen hatten, sprangen auf und umarmten ihn. In diesem Moment musste ich einige Mühe aufwenden, um nicht zu zeigen, wie es um mich bestellt war. Der Text diente der Schulsozialarbeiterin später als Grundlage für ihre Arbeit. 

Derartige Workshops helfen nicht nur die Fantasie eines Kindes zu entwickeln, sondern haben darüber hinaus auch noch eine andere erfreuliche Wirkung. Schüler, die eher unauffällig sind und nicht durch körperliche Stärke, cooles Auftreten oder durch teure Statussymbole wie Kleidung und Technik auf sich aufmerksam machen, finden plötzlich allein durch die Kraft ihrer Worte Anerkennung. Mehr als einmal konnte ich beobachten, wie ihre Mitschüler sie plötzlich mit anderen Augen betrachteten. 

In jedem Kind schlummert Fantasie. Schreibworkshops sind eine gute Möglichkeit, sie zu wecken. Unbekannte Welten zu entdecken, die nicht vorgefertigt hinter den Displays von Smartphones, Spielekonsolen, PC’s oder als TV-Angebote der Fernsehsender existieren, ist ein Abenteuer. Es bedarf nur eines leeren Blattes Papier, eines Stiftes und der Bereitschaft, den eigenen Kopf zu fordern.

Manch ein Schüler, hat dabei sein Talent entdeckt, mit Sprache umzugehen. Von einigen weiß ich, dass sie sich weiterhin literarisch ausprobieren, seien es nun neu verfasste Geschichten, Notizen im Tagebuch oder Songtexte.

 


HILF MIR - JETZT! - UNSERE KINDER SIND ES WERT

Bernd Siggelkow, Wolfgang Büscher

Topicus-Verlag

ISBN 978-2919804573

€ 9,99

 

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